Was die Kirche St. Marien erzählt

(von Wilhelm Johnsen 1927)

 

 

1. Die Anfänge

Das Gebäude der heutigen Eddelaker Kirche stammt erst aus dem Jahre 1740, ist also noch nicht 200 Jahre alt [Anmerkung der Redaktion: Der Text stammt aus dem Jahre 1927], immerhin doch das älteste Haus des Kirchspiels. Die Steine aber sind z. T. viel älter, und die Ausstattung, obwohl nur ein kümmerlicher Rest dessen, was einst war, entstammt den verschiedensten Zeiträumen der Geschichte; der Taufkessel reicht sogar in Urzeiten zurück. Dazu kommt eine immer noch reichhaltige schriftliche Überlieferung. Die Kirchenrechnungen beginnen schon 1567, die Register im 17. Jahrhundert.

Große Verdienste um das Pastoratsarchiv hat der studier- und schreibfrohe Pastor Schmidt (1783-1846), dessen Bild auf der südlichen Empore hängt.

So verknüpft sich mit der Eddelaker Kirche ein gutes Stück Geschichte. Um wie viel lebendiger werden Ereignisse und Zustände vergangener Zeiten, wenn sie sich mit sichtbaren Dingen verbinden lassen, wenn solche Denkmäler als stumme und doch beredte Zeugen die Brücke zwischen Einst und Jetzt schlagen können. Darum mag denn die Eddelaker Kirche einmal erzählen, was sie weiß.

Wann die Eddelaker Kirche gegründet wurde, ist nicht genau zu bestimmen. Um 1140 verleiht der Bremer Erzbischof dem Hamburger Kloster den Zehnten von Ethelekeswisch (Hasse I, Nr. 121; Zeitschr. 33, S. 164): eine Kirche wird noch nicht erwähnt. Das Kirchspiel erscheint dann zunächst 1281 (Hamb. U. B. I, Nr. 792). Dagegen stellt Neokorus unserer Kirche einen glänzenden Geburtsschein aus. Er schreibt: Ab Henrico Leone et Mathilda fundert.

So wäre also kein geringerer als Heinrich der Löwe der Gründer unserer Kirche? Damit würde sich unsere bescheidene Dorfkirche etwa dem Lübecker Dom an die Seite stellen, der nach 1173 von Heinrich dem Löwen neubegründet wurde, oder dem Ratzeburger, welcher gleichzeitig dem mächtigen Sachsenherzog seine Entstehung verdankt. Vieth und die andern gedruckten Chroniken sind so auf das Datum "ungefähr 1150" gekommen. Haupt äußert keinen Zweifel (I, 116), nur im kürzlich erschienenen VI. Bande drückt er sich vorsichtiger aus (S. 94) und kommt dann, unklar aus welchen Gründen, auf die Zeitstellung "etwa 1180" (S. 144). Die einzige Quelle bleibt jedenfalls Neokorus, und man darf in diesem Falle wie bei andern Nachrichten aus älterer Zeit, die er bringt, berechtigte Zweifel hegen, wie das schon Bolten (II, 271) getan hat. Wahrscheinlich fußt er hier auf der ihm durch seinen Eddelaker Kollegen übermittelten örtlichen Überlieferung. Wie steht es nun damit? Tatsächlich hat ja Heinrich der Löwe, nachdem die Dithmarscher den Stader Grafen Rudolf II. im Jahre 1144 auf der Bökelnburg erschlagen hatten, Ansprüche auf das Land erhoben und sich mit harter Kriegsfaust des Landes bemächtigt. Hartwig, Rudolfs einziger Bruder, 1148-68 Erzbischof von Bremen, ging leer aus. Die Dithmarscher mußten einen von Heinrich bestellten Grafen über sich dulden und an den Holstengrafen, der wohl bei der Eroberung geholfen, Tribut zahlen. Der Löwe scheint sich kaum sehr um Dithmarschen weiter gekümmert zu haben: war doch sein Ziel die Gewinnung des slavisch gewordenen Ostens. Dort hat er sich der Hilfe der Kirche bedient und geistliche Gründungen unterstützt. Wie aber sollte Eddelak zu der Ehre gekommen sein? Dazu stand Dithmarschen unter der kirchlichen Oberhoheit des Erzbischofs von Bremen, seines Nebenbuhlers [1].

In diesem Zusammenhange aber ist eine andere Notiz des Neokorus unter Eddelak von Belang: Eddelak sei mit Süderhastedt und Burg unmittelbar unter dem bremischen Erzbischof gewesen, also nicht unter dem Hamburger Kloster wie die andern Kirchen Dithmarschens. Die Bremer Domherren hätten also die dortigen Pfarrstellen verliehen und die so belehnten Pastores ihre Vikare (Stellvertreter) dort gehalten. (Über letztere katholische Sitte oder Unsitte noch später). Diese Nachricht erscheint schon glaubwürdig. Die katholischen Zustände waren zu Neokorus' Zeiten noch in guter Erinnerung. Für Burg wird dieses Verhältnis urkundlich bestätigt bei Bolten (IV, S. 22, Anm. 42), ferner durch den besten Kenner der dithmarsischen Kirchengeschichte, den kürzlich verstorbenen Pastor Rohlfs[2] (Dithm. Jahrbuch V, S. 9).

[In dessen U. B. von 1922, S. 61 ff. fehlen unter den Rechnungen des Hamburger Domkapitels ständig die Kirchen Burg und Eddelak, während Süderhastedt merkwürdigerweise vorkommt.][3] Wahrscheinlich bleibt jedenfalls, daß auch in Eddelak der Erzbischof das Patronatsrecht, d. i. die Gerechtsame der Stellenbesetzung besaß. Daraus ist nach damaligem Brauch zu schließen, daß die Eddelaker Kirche eine Gründung des Bremer Erzbistums war. Für Burg wußte die Überlieferung auch einen bestimmten Stifter zu nennen, den schon genannten Bruder des berühmten Grafen Rudolf, Hartwig I.

Allerdings liegt die Sache dort vielfach im Unklaren - so ansprechend es klingt, daß Hartwig zum Gedächtnis seines Bruders eine Kirche, sogar aus den Steinen der Bökelnburg, erbaut haben soll. (Vgl. Chalybäus S. 39; Zeitschr. 27, 265).

Wenn mir nun auch nach dem Gesagten die Stiftung der Eddelaker Kirche durch Heinrich den Löwen unwahrscheinlich vorkommen will, die Gründung durch einen Bremer Erzbischof als das geschichtlich Gegebene, so bleibt das bestimmtere Wann des ersten Kirchenbaus, wie schon voraus angedeutet, ungewiß. Möglich, daß Heinrich der Löwe mit Hartwig (I.) von Bremen, der z.B. die slavischen Bistümer erneuert hat, verwechselt wurde, möglich auch, daß die unruhvolle Zeit Dithmarschens nach 1144 Kirchengründungen überhaupt nicht günstig war und man erst nach der Schlacht bei Bornhöved 1227 daran denken konnte, im Siedenfelde eine neue Kirche aufzuführen. Damals kam Dithmarschen auch in weltlicher Hinsicht unter den Krummstab des Bremer Kirchenfürsten, und es hat dann in der Tat gut unter ihm gewohnt. "Um 1200", so dürfen wir also das Entstehungsdatum unserer Kirche mit aller Vorsicht ansetzen.

Einen Gegenstand birgt das erneuerte Gebäude noch heute, der dem allzu Wißbegierigen mit bestimmter Rede und Antwort dienen könnte, wäre ihm Sprache und Gedächtnis verliehen:

Der Taufkessel, von dem schon eingangs die Rede war. Gewiß, mancher sieht es dem alten "Pott" nicht an oder hat ihn noch kaum recht beachtet. Haupt schreibt im Nachtrag zu seinen Bau- und Kunstdenkmälern unserer Provinz (III, S. 4): Die Taufe ist nun im Thaulow-Museum. Man hat also wohl diesbezügliche Verhandlungen gepflogen. Aber - man überzeuge sich - sie ist noch da, Gott sei Dank! Und: Se lewet noch! Es ist ihr nicht ergangen wie manchen ihrer Kolleginnen, die später zerschlagen, verkauft wurden oder einfach "verschwanden". Beispiele nur aus Dithmarschen: Burg, Hemmingstedt, Wöhrden. Zwar: einen gottesdienstlichen Zweck erfüllt sie nicht mehr. Für die Taufhandlung benutzt man jetzt eine leichte Messingschale, für welche das schwere bronzene Tauffaß nur einen unverhältnismäßig gewichtigen Untersatz darstellt. Und nun mag der alte Kessel denn erzählen: Früher, wie er noch in hohen Ehren stand, da war's anders. Da füllte man, wenn Taufe war, seinen mächtigen Hohlraum mit dem geheiligten Taufwasser, und die kleinen neuen Erdenbürger aus dem Eddelaker Kirchspiel mußten ein richtiges Bad nehmen, wenn sie in die christliche Gemeinde der Großen aufgenommen werden sollten.

War doch die Taufe ein "Bad der Wiedergeburt", und noch viel später, als das Eintauchen längst abgekommen war, notierte der Pastor in sein Taufregister: renatus oder renata - wiedergeboren... Das Wort "taufen" soll ja zusammenhängen mit "tief"; unwahrscheinlich ist, nach Kluges Etymologischem Wörterbuch - die Verwandtschaft mit "tauchen". Damit die kleinen Täuflinge sich nicht erkälteten, mußte das Wasser natürlich gewärmt sein. Noch zu Luthers Zeiten war dieser Taufritus an manchen Orten üblich, und er billigt ihn als "recht vollkommenes Zeichen"; ja noch die große Bronzetaufe von 1638 in Heiligenstedten ist in unserer Heimat ein Zeugnis für den alten Brauch. Die heutige Art des Besprengens begann jedoch vom Ende des Mittelalters an allgemeiner zu werden.

In den ältesten Zeiten des Christentums in Dithmarschen gab es gar nur eine Taufkirche, die schon Ende des 8. Jahrhunderts gegründete Mutterkirche des Landes in Meldorf. Die neue Eddelaker bekam jedenfalls alsbald eine eigene Taufe und unser Kessel weiß uns des weiteren zu erzählen, daß wir in ihm jenes erste Taufgefäß und das einzige erhaltene Inventarstück des ältesten Kirchenbaus zu erblicken haben. Es liegt hier der seltene Fall vor, daß man aus der Form des Taufgefäßes Schlüsse ziehen kann, welche die allgemeingeschichtlichen bezüglich der Entstehung der Kirche vortrefflich ergänzen. Das ergibt sich, wenn wir den Kessel auf seinen Stil hin ein wenig näher betrachten, und es wird auch ohne große kunstgeschichtliche Erörterungen einleuchten, welch ein altehrwürdiges Stück Möbel die Eddelaker Erztaufe darstellt. Die allgemeine Form ist noch ganz die eines dreibeinigen Kochgrapens. [Jütepott] Man denke vielleicht an die bekannten in Jütland gefertigten "Jüterpötte", welche einen uralten Kochtopftyp bis in unsere Zeit bewahrt haben. Die Beine laufen in (siebenzehige) Tierfüße aus, ein in der romanischen Kunst beliebtes aus der Antike übernommenes Motiv.

Die Wandung ist auf primitive Art - schon in der Steinzeit kannte man das - mit verunglückt parallelen Schnüren verziert; diese waren am Tonmodell befestigt und wurden beim Guß abgeformt. Der Rand enthält einen einfachen Schmuck von gereihten, z. T. sich schneidenden Kreisen. Unterhalb dieses Schmuckstreifens, einander gegenüber, zwei merkwürdige Zeichen.

Sie stellen die verzierten griechischen Großbuchstaben Alpha und Omega dar, mit Beziehung auf den Spruch: [A und O ... Der Anfang und das Ende] Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende (Off. 1,8). Der Gesamteindruck der Taufe ist: plump, ungeschickt, roh. Wir merken, daß Kunst und Gußtechnik noch am Anfange stehen, wobei allerdings zu bedenken ist, daß der Verfertiger ein schlichter "Grapengeter" war, kein Künstler, wie wir heute sagen würden, oder im Sinne des Mittelalters: kein Handwerker höherer Ordnung. Aus gewissen technischen Merkmalen, auf die hier nicht eingegangen werden kann, ist eine Gußmethode zu erschließen, welche das Ende des 12. Jahrhunderts als frühestmögliche Entstehungszeit der Eddelaker Taufe bestimmen läßt. Wir kämen also auch hier auf das Datum "um 1200". Ich berufe mich dafür auf eine einschlägige Schrift von Albert Mundt, Leipzig 1908.

Unser Taufgrapen hat also seine 700 Jahre hinter sich. Er ist der altertümlichste unter seinen Genossen in Schleswig-Holstein, ja er gehört zu den ältesten Erztaufen, die in Deutschland und sonstwo erhalten sind. Fürwahr, wir müssen ihn mit einigem Respekt ansehen und uns freuen, daß er noch so rüstig auf seinen drei Löwenfüßen dasteht! Was hat er alles gesehen! Was könnte er erzählen von versunkenen Geschlechtern, die in ihm und aus ihm die Taufe empfingen! Von [Taufe im Altertum] wildem Flutgewässer, das um seine ehernen Klauen rauschte! Vom Gemurmel der Messen und der Rosenkränze, von feierlichen Worten, die lateinisch, plattdeutsch, hochdeutsch durch die Kirche hallten! Ja, was hat er alles erlebt! Nur ein schlichter braver Grapen aus Erz! Wir sollten von ihm lernen, daß wir alle, wir mögen noch so modern sein wie wir wollen, in unendlicher Kette verbunden sind mit den Geschlechtern, die vor uns in Freud und Leid von der Heimaterde getragen wurden.

2. Unsere Kirche in katholischer Zeit.

Wie die Eddelaker Kirche im Mittelalter ausgesehen hat, davon gibt die Karte bei Vieth (Hamburg 1733), welche auf die des Petrus Böckel von 1559 zurückgeht, allenfalls einen allgemeinen Begriff. Zunächst erkennt man deutlich ein dem heutigen für sich aufgeführten Holzturm ähnliches Gebilde. Das wird durch die Kirchenrechnungen bestätigt. 1596 wurde ein alter Turm "heruntergenommen", der offenbar schon von Holz gewesen war [4]. 1568 wurden einmal "3 Delenn" (= Dielen) darin verbaut. Und so hat denn unsere Kirche bereits im Mittelalter einen dem heutigen ganz ähnlichen Turm gehabt. Sogar das Schindeldach ist alte Überlieferung; jedenfalls lesen wir ab 1596 von "Spon" und "Sponnagel". Ebenso das Fundament von Grausteinen, die von der Geest geholt werden müssen. Baumeister war 1596 anscheinend ein Zimmermann aus Krempe. Als der "Tinappel" (= der zinnerne Knauf) aufgesetzt wurde, gab es natürlich einen Richtschmaus, und die Zimmerleute erhielten eine sehr anständige "Collation", welche 10 Taler kostete. Man hatte sich den St. Margarethener Turm besehen und also zum Muster genommen. Aber nur 80 Jahre hielt der neue Turm aus. 1676, den 23. März, wurde wiederum ein Zimmermann, diesmal anscheinend aus Brunsbüttel, gedungen, der den Turm neu ausführen sollte. Als die Arbeit nach etwa einem Vierteljahr fertig war, bekam der Meister für seine Arbeit 111 Mark. Diesmal scheint der Turm besonders fest gebaut worden zu sein. Auch das Fundament wurde verstärkt. Man holte neue 80 Feldsteine von der Geest. Dieser Turm von 1676 blieb, von Ausbesserungen abgesehen, erhalten bis auf den heutigen Tag. Wer einmal hineingeschaut hat, weiß, was für ein solider Geselle er ist, und wieviel kerniges Holz drin steckt. Der Turm hat dann also die großen Fluten um 1720 erlebt und hätte im vorigen Jahre sein 250jähriges Jubiläum feiern können.

Übrigens hat man den alten Knaben bereits früher einmal um seinen Geburtstag befragt. Als man ihm 1867 einen Blitzableiter aufs Haupt setzte, wurde der Turmknauf von Pastor Fidler untersucht, leider zwar ohne Inhalt befunden.

Aber kehren wir nach dieser kleinen Abschweifung ins Mittelalter zurück. Auch von dem katholischen Kirchengebäude selber dürfen wir uns ein ungefähres Bild machen. Es blieb im Wesentlichen bis 1740 in seiner ursprünglichen mittelalterlichen Gestalt erhalten. 1621 wurden zwar die Mauern ausgebessert und ein neuer Boden, d. i. eine Holzdecke, gelegt. Die Bruchziegel und die Grausteine der Mauer wurden für 10 Mark verkauft; die Mauer bestand also wenigstens teilweise noch aus Findlingen (vgl. Burg!). Gedeckt war die Kirche mit "Dackstene", d. h. wahrscheinlich mit den beliebten Wesersandsteinplatten, wie in Marne und Meldorf. Der Chor war - wenn man der genannten Karte trauen darf - im Vieleck, wahrscheinlich dreiseitig, geschlossen, also wohl spätgotisch und in Ziegeln erneuert, mit Eckpfeilern gestützt, deren einer 1654 erwähnt wird und demnach gewölbt. Die Kirche wird eben, wie die meisten im Lande, romanisch angelegt sein und in spätgotischer Zeit, zu Ende des Mittelalters, ihre endgültige Gestalt bekommen haben. Die dithmarsischen Landkirchen hatten einen gleichmäßigen Typus. In der Regel schloß sich an ein langes, schmales und ungewölbtes Schiff ein gleichbreiter gewölbter Chor, der sich in einem Bogen zum Schiff hin öffnete. Die Kirchen in Burg oder Süderhastedt, besser noch die ohne Erweiterungsflügel erhaltene in Büsum mögen etwa zeigen, wie wir uns die alte Eddelaker Kirche vorzustellen haben. Wenn diese nun auch abgerissen worden ist, so sind doch noch eine Menge Ziegel des mittelalterlichen Baues erhalten, wenn auch kein Stein auf dem anderen geblieben ist, da man ja nicht auf dem bescheidenen alten Grundrisse weiterbaute: bis zum Fenstersockel finden sich überall die dicken sogenannten "Klostersteine" verwendet, ebenso in der südlichen Vorhalle. Man erkennt sie sofort an dem mächtigen Format: 26 x 12½ x 8 cm; an der Vorhalle mißt man sogar 28½ cm Länge. Über den Fenstersockeln sieht man die Steine von 1740 mit ihren schmaleren Schichten und dem Format 26½ x 12½ x 6 cm.

Versetzen wir uns nun um etwa 400 Jahre zurück, in die Zeit unmittelbar vor der Reformation, und betreten in Gedanken die damalige Eddelaker Kirche! Am Eingange lädt ein steinernes Weihwasserbecken (wie solche noch in Windbergen und Süderhastedt erhalten sind) dazu ein, uns im Zeichen des Kreuzes zu benetzen. Dann stehen wir im Kirchenraum. Enge und Dämmerung will uns hier bedrücken. Wie ganz anders sind wir es von unserer neuen weiträumigen und hellen Kirche her gewohnt! Und trotzdem und trotz der schmuckreichen Ausstattung kommt uns der Raum leer vor: Bänke suchen wir hier für uns vergebens. Bis ins 17. Jahrhundert hinein sind weitaus die meisten katholischen Kirchen ohne Sitzgelegenheit für die Laien gewesen; nur die Geistlichen hatten ihr schön geziertes Chorgestühl. Möglich, daß sich die Eddelaker hin und wieder einen Schemel oder dergleichen mitnahmen. Auch eine Kanzel gibt es nicht. Die Hauptsache ist der Altar und der Altardienst, die Messe. Gewiß hatte auch Eddelak mehr als einen kunstreich geschnitzten Altarschrein, wie ein solcher in Süderhastedt noch zu sehen ist. In evangelischer Zeit behielt man gewöhnlich nur den Hauptaltar bei. Dieser stand in Eddelak wohl bis 1590, als er durch eine neue gemalte Altartafel ersetzt wurde. Die Baumeister (= Rechnungsführer) der Kirche verehrten dem Maler damals einen Taler; sonst hatte die Kirche keine Kosten; Das Werk war also eine Stiftung.

Heute ist alles mittelalterliche Bildwerk verloren gegangen, bis auf den schönen Kruzifixus, der jetzt notgedrungen auf der nördlichen Bühne einen leider sehr ungünstigen Platz hat. Infolgedessen wird er sehr zu Unrecht kaum beachtet. Als 1874 die Inventarisation der kirchlichen Kunstdenkmäler angeordnet wurde, gab man an: "Ein wertloses (!) hölzernes Kruzifix in Lebensgröße". Auch von den zünftigen Kunsthistorikern ist das prächtige Stück noch nicht entdeckt. Es gehört in die letzte Blütezeit der gotischen Plastik und ist um 1520 anzusetzen. Nicht die technische Meisterschaft in der Bearbeitung des Eichenholzes und die scharfe Naturbeobachtung in der Darstellung des Anatomischen machen den eigentlichen Wert des Werkes aus, sondern das machtvolle und echte Pathos im Ausdruck des Seelischen. Die starke Betonung des körperlichen Leidens und der rauschende Schwung des flatternden - vergoldet zu denkenden - Lendentuches finden in dem edlen Haupte ihren gemäßigten Ausklang. Spuren einer späteren Verschmierung mit brauner Farbe sind vorhanden, Hände und Zehen schlecht ergänzt. Die ursprüngliche köstliche Bemalung müssen wir uns hinzudenken. In der alten Kirche hatte dieses Christusbild seinen Ehrenplatz als "Triumphkreuz" vor dem Chorraum, entweder frei herabhängend oder wahrscheinlicher auf dem eigens dafür im Chorbogen durchgezogenen Triumphbalken. Meist standen die trauernden Gestalten von Maria und Johannes neben dem kreuz und das Ganze bildete eine stimmungsvolle Gruppe. Die Figuren einer solchen sind in Meldorf vollständig erhalten, die ganze Anordnung noch u. a. in Beidenfleth. Der Eddelaker Kruzifixus gehört zu den besten Werken dieser Art in der Provinz; in unserer Kirche ist er sogar das einzige wirkliche Kunstwerk.

Im übrigen stammen aus mittelalterlicher Zeit vielleicht noch die beiden großen gedrehten und auf Tierfüßen stehenden Messingleuchter. Ihre ursprünglich gotische Form ist jetzt verändert.

Endlich erinnert auch der Name der Kirche an ihre katholische Vergangenheit. Sie war der Jungfrau Maria geweiht, "unse lewe Fruwe". So zeigten denn auch die mittelalterlichen Siegel des Kirchspiels, deren vier in Abdrücken bekannt sind, die Gottesmutter mit dem Kinde (Siehe Karl Boies Veröffentlichung über die mittelalterlichen Siegel Dithmarschens, Kiel 1926). Mit solchen Siegeln beglaubigte das Kirchspiel als politische Behörde in der Zeit der Freiheit seine Urkunden.

Ein neues "Wappen" mit dem Bilde der alten Patronin erhielt unser Kirchspiel dann, als das Kreishaus in Meldorf 1889/99 gebaut wurde. Jede Gemeinde des Kreises stiftete damals für die drei bunten Fenster des Kreissaales eine Scheibe mit seinem Wappen. Die Entwürfe stammen von Prof. Oskar Schwindrazheim in Altona. Im Eddelaker Wappen erscheint hier wieder Maria, dargestellt mit der Krone auf dem Haupte; auf dem linken Arm trägt sie das Kind, in der rechten die Lilie als Zeichen der Reinheit. Diese Neuschöpfung hat sich allgemach schon eingebürgert; auf sie gehen zurück die Darstellung am Kopfe dieser Zeitung, der Stempel der Kirchspielschreiberei und das Nagelbild aus der Kriegszeit in der Kirche. Das Pastorat dagegen führt in seinem modernen Stempel das abstrakte Bild eines Kirchengebäudes.

Den Namen Maria trägt auch die 1866 Pfd. schwere Glocke, die im Jahre 1703 für 408 Mark von Christian Meyer in Hamburg gegossen wurde. Der Name erinnert noch an den beliebten Brauch der katholischen Zeit, Glocken der Jungfrau Maria zu weihen. Die Glocke, die im Sinne der redseligen Zeit um 1700 mit drei Inschriften bedeckt ist, deutet das auch selber an:

Maria bin ich von alters gehießen,
Eddelaker Kirchspiel hat mich lassen gießen.

Schon 1578 war eine Glocke in Hamburg umgeschmolzen worden, da sie geborsten war. So hat sich der Name vererbt, vielleicht mit dem Metall; auch erinnern die angeführten Verse an eine im Mittelalter vielfach verwendete niederdeutsche Glockeninschrift; so stand auf der Glocke von 1453 in Hemmingstedt:

maria bin ick geheten,
dat Kaspel in Hemminghstede let mi gheten.

Trotz dieses vergleichsweise jugendlichen Alters von 200 Jahren wurde die Glocke im Weltkriege nicht für k. v. befunden und entging so dem Schicksal ihrer jüngeren Gefährtin, eingeschmolzen zu werden. Diese war eine Stiftung der Eddelaker Sparkasse, welche damit den lange gehegten Wunsch der Kirche, eine zweite Glocke zu besitzen, erfüllte. Schon Pastor Schmidt hatte eine solche für seine geliebte Gemeinde, der er ja 63 Jahre gedient hat, ersehnt; leider verfolgte der vortreffliche und friedliche Mann den bitterbösen Plan, für diesen Zweck - unsern alten braven Taufgrapen einschmelzen zu lassen! Ernsthaft erwog das Kirchen- und Kirchspielskollegium die Sparsamkeit dieses ruchlosen Vorhabens, in der Sitzung vom 1. August 1817; dann wog man den guten Kessel, aber trotz seiner 415 Pfund wird er doch in der Folge für zu leicht befunden sein, oder zu schwer für die Reise nach Rendsburg zum Glockengießer, denn er steht ja, zum Glück, noch da (Siehe Edd. Reskriptenbuch II, S. 472 und 474!).

Verlassen wir jetzt das Kirchengebäude und wenden uns dem Kirchenlande zu, denn auch die stattlichen Kirchenländereien, im Umfange eines ansehnlichen Marschhofes, reichen in die katholische Zeit zurück. Die Eddelaker Kirchengemeinde besitzt heute (= 1927; Anm. der Redaktion) noch

an Kirchenländereien: etwa 13 ha

an Pastoratländereien: etwa 24 ha

an Diakonatländereien: etwa 3 ha

zusammen rund 40 ha

die im Jahre 1926 eine Pachteinnahme von etwa 7500 RMk. ergaben (für die gewährte Einsicht in die Unterlagen bin ich Herrn Pastor Reimers zu Dank verpflichtet, für mancherlei Förderung ferner Herrn Pastor i. R. Desler). Diese Ländereien, überwiegend gutes Marschland, sind es wohl vor allem gewesen, welche die Eddelakische Pfarre - der Diakon war weit schlechter gestellt - auch in evangelischer Zeit für besonders begehrenswert erscheinen ließen. Neokorus schreibt: "Eine sehr rike Kerke". Die Ländereien werden der Kirche z. T. schon bei ihrer Gründung zur eigenen und des Priesters Unterhaltung beigelegt sein; fromme Schenkungen und gelegentliche Ankäufe traten dann wohl hinzu. Außerdem besaß die Kirche allerlei Kapitalien. Nach Anordnung der Landesversammlung vom Jahre 1543 mußte für jedes Kirchspiel ein Verzeichnis der Kirchengüter angefertigt werden, um künftiger Verschleuderung von Kircheneigentum vorzubeugen. Ein Register der Kapitalien wird in den Kirchenrechnungen ständig genannt. Es heißt dort u. a. 1580 bei der Michaelishebung "Erff unnd Lewen Fruwen register" und bei der folgenden Osterhebung 1581 "Erff unnd Vicarien register". Aus diesen Bezeichnungen geht hervor, wie das Geld in katholischer Zeit zusammen gekommen war: zur Hauptsache also durch fromme Vermächtnisse und durch Stiftung von Vikarien, d. h. von Geldern, die zur Unterstützung von Vikaren (Nebengeistlichen) dienten; diese hatten wohl gar an eigenen Nebenaltären Messe zu lesen. Auch in evangelischer Zeit lieh man diese Kapitalien auf Rente; diese bildete den Hauptposten der Einnahme; dazu trat die "Hüre" (= Pacht) der "Kirchenhufe" und der Kirchenwischen. Wir müssen auf diese Dinge noch öfter zurückkommen.

Der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde zu ihrer morgigen Tagung gewidmet.

3. Die Geistlichen der katholischen Zeit und der Reformation.

Über die Geistlichen vor der Reformation haben wir nur ganz wenige und zufällige Nachrichten. Nach einer Urkunde im Hamburger Archiv (Zeitschr. I, S. 237, Nr. 17) machte am 12. November 1350 ein gewisser Willekinus Everhardi, Kirchherr (= Pfarrer) in Edelake sein Testament; er starb am 8. März des folgenden Jahres. Diese an sich nichtssagende Notiz hat nur insofern einiges Interesse, als die furchtbare asiatische Pest, der "Schwarze Tod" genannt, welche ganz Deutschland überzog, in diesem Jahre auch in Schleswig-Holstein viele Tausende, "vielleicht ein Drittel der Einwohner", dahinraffte. In Krempe flohen damals die Geistlichen bis auf den tapferen Johannes Bucholt, "der unerschrocken auch in der Pestzeit die Sakramente der Kirche verwaltete" und so am 21. November 1350 als Opfer seines Berufes starb (a. a. O. Nr. 15), Im selben Monat machte also der Eddelaker Pastor sein Testament; vielleicht, ja wahrscheinlich, erlag er der schrecklichen Seuche. Ein Streiflicht, das uns für die Geschichte unseres Kirchspiels im Mittelalter, da es an Nachrichten fast ganz fehlt, doppelt willkommen sein muß.

Erst gegen Ende des Mittelalters hören wir wieder von Eddelaker Geistlichen. Neokorus berichtet von einem Herrn Peter Lape, der Herrn Konrad Bole als Vikar gehalten habe (der Titel "Herr" war bis in die evangelische Zeit hinein ein Vorrecht des geistlichen Standes). Von diesem Konrad Bole wissen wir aus seinen eigenen Kalenderaufzeichnungen, daß er aus Münden stammte, 1515 Kirchherr in Burg wurde und diese Pfarre noch 1557 innehatte (Bolten IV, S. 22, Anm. 42). Er ist also der erste evangelische Pfarrer unseres Nachbarkirchspiels geworden, und vor 1515 müßte er irgendwann für einen gewissen Peter Lape als Vikar (= Stellvertreter) an der Kirche in Eddelak tätig gewesen sein, falls die Notiz des Neokorus sich auf Eddelak beziehen soll - was nicht ganz sicher ist - und falls Neokorus sich hier nicht überhaupt irrt. Bestimmt im Irrtum ist der dithmarsische Chronist, wenn er an dieser Stelle behauptet, daß außer Burg auch Süderhastedt und Eddelak unmittelbar unter dem Erzbischof von Bremen gestanden hätten, nicht - wie die meisten Kirchen Dithmarschens - unter dem Hamburger Domkapitel und seinem Propsten, also nur mittelbar. Aus den Akten des unten zu erwähnenden Prozesses geht vielmehr unzweifelhaft hervor, das dies Verhältnis unter den genannten Kirchen nur auf Burg zutraf (Vgl. schon Bolten IV, Note 41, S. 18 und Note 42). Wir müssen danach das in unserm ersten Aufsatz Gesagte berichtigen. Die Gründung der Eddelaker Kirche durch Heinrich den Löwen aber bleibt um so eher unwahrscheinlich, da, wie man sieht, Neokorus sogar in zeitlich nicht so entlegenen Verhältnissen irren kann!

Ein zuverlässiges und anschauliches Bild von diesen Dingen erhalten wir nun aus Urkunden und Akten, und gerade Eddelak vermag uns einen sehr lehrreichen Einblick zu geben in jene uns heute so fremd ja unglaublich anmutenden Zustände, in denen sich katholische Kirche und Geistlichkeit hierzulande im letzten Vierteljahrhundert ihrer Herrschaft befanden. Die Zeit war überreif geworden; der Boden war vorbereitet, um den Samen des evangelischen Gedankens aufzunehmen, und wir verstehen, wie die Saat trotz aller Widerstände wurzeln und sprießen mußte. Es ist zum Verständnis nötig, das Bild zunächst in ein paar allgemeinen Zügen zu zeichnen.

Wir erfuhren schon von Neokorus, daß die Pfarrherrn sich vielfach Vikare hielten. Der Kirchherr bezog dann eben nur die Einkünfte. Die kanonische (= kirchenrechtliche) Bestimmung, daß der Pfarrer in seiner Gemeinde wohnen müsse - doch wohl, um dort seinen Dienst zu versehen - wurde einfach mißachtet. Man hatte sich den Posten ja gegen eine beträchtliche Gebühr erkauft und strich nun denn auch dafür die Einkünfte der Pfründe ein. Der Vikar, der Messe las, war billig, und im übrigen ließ man den lieben Gott einen guten Mann sein. Wenn die Schäflein nach der Beschwerde der Herren in Geldsachen endlich saumselig wurden, wer will es ihnen verdenken? Ein solcher Vikar des Pfarrherrn war in Eddelak sicher nicht der einzige diensttuende Geistliche. Nicht nur hatten die größeren Kirchen außer dem Hauptaltare mehrere ja viele Nebenaltäre, es galt gegen Ende des Mittelalters als kanonischer Brauch, daß auch eine kleine Dorfkirche schon mit wenigstens zwei Nebenaltären ausgestattet sei. Solche wurden ebenfalls von Vikaren bedient, die zum Unterschiede von den wechselnden Stellvertretern des Kirchherrn Dauervikare genannt wurden. So gab es in Lunden und Wesselburen je 9 Altäre, in Heide und Wöhrden je 6. Und in unsrer Nachbarkirche Burg finden wir außer dem Pfarrherrn nicht weniger als drei Vikare (Bolten IV, 53), so daß hier die Dreizahl der Altäre erfüllt war (ebenso wie in Hemme). Dabei gehörten Burg und Eddelak nach dem Einkommen der Pfarrherrn zu den kleinen Pfarren in Dithmarschen. 1347 betrugen die Bareinkünfte hier je 16 Mark, in Brunsbüttel 24, in Marne 45 und in Meldorf 90 Mark (Bolten IV, 14) [5]. Wir dürfen also die Verhältnisse unserer Kirche wohl mit denen der Burger in Parallele stellen. Und was dann Eddelak zu einer "reichen Kirche" machte, das waren die schon besprochenen Marschländereien. Übrigens müssen wir uns überhaupt das kirchliche Leben vor der Reformation wie überall so auch in Dithmarschen in einem Zustande höchster Blüte vorstellen. Man war durchaus nicht etwa kirchenmüde, im Gegenteil, man wetteiferte in kirchlich-frommer Betätigung, in Stiftungen aller Art, in Heiligenverehrung, in Wallfahrten. So wird auch die Eddelaker Kirche beispielsweise in ihrer inneren Ausstattung einen Reichtum von Kunstwerken und Kostbarkeiten gezeigt haben, von dem wir uns kaum einen Begriff machen können. Wo ist das alles geblieben? Nur der schöne Kruzifixus, gerade den letzten Jahren um 1520 entstammend, ist uns erfreulicherweise erhalten.

Wie wir heute zu dieser mittelalterlichen Frömmigkeit stehen, ist eine zweite Frage. Von dieser durchaus regen ja in Aberglauben und Fanatismus schlimmer Art ausartenden volkstümlichen Religiösität ist wohl zu unterscheiden die ausgesprochen nüchterne Gesinnung, welche die Dithmarscher den persönlichen Ausschreitungen der Geistlichkeit, namentlich der Habgier der großen Herrn gegenüber betätigten. Im Jahre 1523 beschlossen die 48-er, die Verbindung mit dem Domkapitel in Hamburg zu kündigen, die geistlichen Stellen künftig durch die Kirchspiele selber vergeben zu lassen und den Geistlichen bei Amtsverlust und Landesverweisung zu verbieten, irgendwelche Abgaben an die Hamburger geistliche Behörde zu zahlen. Ferner forderten sie die auswärtigen Inhaber von dithmarsischen Pfründen auf, ihre Ämter selbst zu verwalten, widrigenfalls diese ihnen entzogen würden. Dabei betonten die 48 Landesregenten ausdrücklich, daß sie mit Strenge am katholischen Glauben festzuhalten gewillt seien. Das Domkapitel aber strengte beim Reichskammergericht einen Prozeß wegen Aufruhrs und Ketzerei an. In den Akten dieses langwierigen Prozesses - 1562 noch wurde die Feder gerührt - ist nun allerlei an den Tag gekommen, und auch für Eddelak fällt dabei etwas ab.

Ein Hauptärgernis der Dithmarscher war nämlich in gewisser Herr Johann Funke. Wie er im Jahre 1538 zu Lübeck in dem erwähnten Prozesse als Zeuge auftritt, ist er ein würdiger Mann von 58 Jahren, Magister, Licentiat beider Rechte, Domherr zu Lebus oder Fürstenwalde. Von kleineren Pfründen erwähnt er eine Vikarie an St. Petri in Hamburg. Er hat so seine 100 Gulden im Jahre zu verzehren. Früher hatte er auch seine geistlichen Lehen im Lande Dithmarschen. "He iß vor Tyden Kerkher tho Eddelake und dar nah eyn Vikarius tho Meldorppe gewest". Da er denn also "unser" war, so haben wir ein ganz besonderes Interesse daran, uns diesen höchst merkwürdigen Eddelaker Pfarrherrn ein wenig bei Lichte zu besehen. Wir werden dazu in die Lage versetzt durch die neuerlichen Veröffentlichungen der Prozeßakten in Rohlfs‘ Urkundenbuche.

Herr Funke hatte eine eigenartige und wie es scheint rasche Laufbahn hinter sich. Das schöne reiche Ländchen Dithmarschen hat er dabei im Guten und im Bösen reichlich kennen lernen dürfen. Als 20-jähriger Jüngling war er in seiner Eigenschaft als Stallknecht des Offizials (Geschäftsträgers) des Hamburger Dompropsten Augenzeuge der Schlacht bei Hemmingstedt. 1513-19 finden wir ihn in den Rechnungen des Hamburger Domkapitels als Vikar, also in Meldorf, aufgeführt (Rohlfs S. 69-73). Vor 1513 also muß er schon Pfarrherr in Eddelak gewesen sein; 1538 war er es nicht mehr, wie er aussagt (S. 272); auch gibt er an, daß man ihm dort 18 Jahre lang seine Einkünfte vorenthalten habe, also bereits vor dem Beschlusse der 48-er von 1523. Für die Verleihung der Pfarre hat er dem Hamburger Dompropsten die in Dithmarschen übliche aber besonders hohe Gebühr von 10 Mark lübsch zahlen müssen; er hat die Pfründe also eigentlich mit schwerem Gelde erkauft, aber diesen allgemeinen katholischen Mißbrauch, Simonie genannt, dürfen wir Herrn Funke nicht besonders zurechnen. Auch nicht dies, daß er mindestens zwei Ämter gleichzeitig hatte, die Pfarre in Eddelak und die Vikarie in Meldorf; auch das war nun einmal so Sitte. Hinrich Bantschow, Domherr in Hamburg, war nicht nur Pfarrherr in Eppendorf bei Hamburg, sondern auch in Marne und Hemme. Es ist natürlich kaum anzunehmen, daß ein so tüchtiger und strebsamer Mann wie Johann Funke seine Eddelaker Kirche jemals selbst verwaltet habe. Jedenfalls finden wir dort im Jahre 1513 einen Vikar Johannes Grove; er unterzeichnet ein Rundschreiben, das sein Pfarrherr "Johannes Vunke" in seiner Eigenschaft als Notar des Hamburger Dompropsten eben in Hamburg ausgefertigt hat (Rohlfs S. 38 ff.)! Herr Funke fügt seiner Unterschrift einen schönen lateinischen Wahlspruch hinzu: Niemals vergeht die rühmliche Tugend. In der Tat konnte Herr Funke so kleine Posten wie eine Dorfpfarre bei seinem Fluge zur Höhe nicht auf der Rechnung haben. Nachdem er fünf Jahre Notar gewesen, wurde er nun selber Offizial des Dompropsten und er ist der letzte Beauftragte der Hamburger Aufsichtsbehörde gewesen, der seinen Fuß auf dithmarsischen Boden gesetzt hat. Zweimal im Jahre, im Frühjahr und im Herbst, mußte er im Lande erscheinen, um in den einzelnen Kirchspielen Visitation und darauf in Meldorf die abschließende Synode zu halten, und auf diesen Reisen hat Herr Funke, unser Pfarrherr, sich eben leider sehr schlecht aufgeführt. Eine sonderliche Quelle des Ärgernisses war die geistliche Gerichtsbarkeit, die der Offizial im Namen des Domkapitels auszuüben hatte. Nicht nur ist der Offizial mit Bann und Interdikt (Verbot kirchlicher Handlungen für die betroffenen Ortschaften) mit übermäßiger Härte vorgegangen - so klagten später die Dithmarscher (Dithm. Jahrbuch V, 13) - vor allem durch seine unverschämte Habgier machte er sich verhaßt. Mit Geld konnte ja alles abgebüßt und erreicht werden. Die Dithmarscher behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hamburger Herren um ihre Gewinstes willen sich "der Sünden und Laster erfreuten"; je mehr deren geschehen, desto lieber sahen sie es (Rohlfs S. 237, 253). Und so nahm denn Herr Funke seinen Vorteil wahr; es war ja klar, daß auch für ihn selber etwas dabei heraussprang; zu den erpreßten hohen Summen mußte noch Trinkgeld gezahlt werden. Herr Funke behauptet nun, er habe dem Dompropst um Geld gedienet; er gesteht zwar ein, von einem Vatermörder 130 Mark genommen zu haben; nur der Notar aber habe "Dranckgelt vor syn Schrywent" erhalten.

Die Dithmarscher ihrerseits hielten sich etwas darauf zu gute, daß sie dem Offizial stets alle äußere Ehre erwiesen, die einem "großen Prälaten und Herrn" gebührte. Und das wird auch immer zugestanden. "Mit drei Pferden" pflegte Herr Funke in einem Kirchspiel seinen Einzug zu halten. Auf dem zweiten saß Simon Klovenagel, ein junger Herr von eben 20 Jahren, Notar und Kommissar des Offizials; den Beschluß machte der Stallknecht. Beim Mahle legte man dem Herrn Funke ein rotes Stuhlkissen „vom Allerbesten“ unter - Polsterstühle gab es noch nicht - und setzte ein schönes brennendes Wachslicht vor ihm auf die Tafel. Daß der gastgebende Kirchherr "eine gute Tonne Hamburger Biers" aufsetzen mußte, nun, dergleichen war landesüblich, und das Hamburger Bier genoß damals und später Weltruf. Daß die Gäule eine Tonne Hafers bekamen, war nur anzuerkennen, und die Wege waren schlecht. Daß eine solche Bewirtung das Kirchspiel mit der hohen Summe von 10 Mark Unkosten beschwerte, mochte noch allenfalls zu ertragen sein. Auch auf den Kirchenvisitationen der folgenden protestantischen Zeit wollte man nicht schlecht leben. Sehr befremdlich aber war das hohe Interesse des Herrn Offizials für hübsche "lose Personen", und seine Schamlosigkeit in dieser Beziehung mußte gleiche Empörung erwecken wie seine Geldgier. Erwartete er doch von den Kirchherren, daß man ihm hierin freundlichst Vorschub leistete. Ja, er entblödete sich nicht, eine solche "Person" neben sich an den Tisch zu setzen, wie solches zu Wesselburen und Meldorf geschah (S. 223, 253, 259). Kein Wunder, daß ein so kirchentreuer Mann wie der Landesschreiber Günther Werner, einer der Führer im Lager der Feinde des Reformators Heinrich von Zütphen, 1537 beim Verhör in die Worte ausbricht: "Idt was altho groth mith denn Myßbrucke der Geistliken", und daß er bekennt, er sei einer von denen, die ihre Kirche deswegen verlassen hätten, weil sie das sittenlose Betragen eines Johann Funke dulden müssen. In der Tat verließen auch andere Pfarrer - Werner war es in Meldorf gewesen - dieserhalb ihren Dienst.

Und so hat denn der saubere Herr Funke noch das Verdienst, auf seine Weise das Werk der Reformation im Lande befördert zu haben. Derselbe Johann Holm aus Neuenkirchen, der an jenem unseligen 10. Dezember des Jahres 1524 dem edlen Märtyrer Heinrich mit seinem Fausthammer die Brust einschlug, hatte erst vor zwei Jahren dem liederlichen und raffigen Funke nach dem Leben getrachtet. Nur mit knapper Not entging dieser damals diesen und anderen Nachstellungen. Im Frühjahr 1523 schickte er daher vorsichtigerweise nur seinen jungen Mann Simon Klovenagel. Dieser wurde in Albersdorf gewarnt und kehrte um. Weder er noch Funke wurden im Lande mehr gesehen, und der Propst konnte nicht für Geld und gute Worte einen Mann finden, der wieder nach Dithmarschen ginge. 1523 kam es zu dem früher erwähnten Beschluß der 48er, der allerdings durchaus nicht reformatorischen Neigungen entsprach, ebenso wie der Haß gegen Heinrich von Zütphen im folgenden Jahre ganz wesentlich von politischen Befürchtungen genährt wurde. Aber der evangelische Gedanke, der schon seit Funkes Zeiten im Lande gärte (Rohlfs S. 225), setzte sich allmählich durch. 1532 wurde die katholische Messe im Lande verboten und 1533 durch Landesbeschluß die Reformation eingeführt.

In Eddelak wird die Reformation schon früher ihren Einzug gehalten haben. Johann Funke muß wohl nach den oben angeführten Daten "unser" letzter katholischer Pfarrer - nach Titel und Einkünften - gewesen sein, ein typischer Vertreter der Romkirche, der übrigens auch in irgendwelchen Geschäften in Rom selber gewesen war und dort an der Quelle hatte lernen können, wie man‘s macht (Rohlfs S. 52). Kein rühmlicher Abgang, fürwahr, und um die "Tugend" seines Wahlspruches war es doch eigenartig bestellt! - Der erste evangelische Pastor in Eddelak, von dem wir wissen, war Hinrich Voß (Esch und Hack schreiben infolge eines Lesefehlers "Roß"). Im Jahre 1544 unterschreibt er sich bei einer Zusammenkunft in Meldorf (Vieth S. 178) als Hinricus Vosejus, Pastor to Edelacke. Ich möchte vermuten [6], daß er identisch ist mit jenem Hinrich Voes, der um 1522 zusammen mit Heinrich von Zütphen und zwei anderen lutherischen Predigern zu Antwerpen gefangen gesetzt wurde (Hellmann S. 43). Er wäre demnach wie Heinrich von Zütphen aus den Niederlanden gekommen. Pastor Schmidt schreibt in seiner handschriftlichen Prediger-Geschichte, er sei "höchstwahrscheinlich" Luthers Schüler gewesen. Daß er einmal in Wittenberg geweilt hat, ist allerdings recht gut möglich, läßt sich aber nicht beweisen. Sein Nachfolger Johannes Groth leistete 1556 seine Unterschrift unter dem Abendmahlsbekenntnis der dithmarsischen Pastoren, in welchem diese sich gegen die Calvinische Auffassung aussprachen (Hellmann S. 66). Er kam von Weddingstedt, wo er 1544/55 Pastor war, hierher.

Seit der Reformation bis zum Abbau [7] von 1925 hat es hier zwei Geistliche gegeben. Der zweite Prediger wurde Diakon genannt, auch wohl Kapellan oder Sacellan. Als Diakon erscheint zuerst Kaspar Wagen. Er braucht aber nicht der erste gewesen sein, da er sicher mit dem Jasperus Wagenius, der 1544 als Prädikant an der Kapelle zu Schlichting in Norderdithmarschen unterzeichnet, identisch ist. 1556 nennt er sich Casperus Vuagenius in Eddelak. Daß er 1561 gestorben ist, wie Schmidt schreibt, läßt sich meines Wissens nicht erweisen.

(Nachdruck aus den Eddelaker Nachrichten vom 24. Juni, 26. August 1927 und 9. September 1927; Illustration durch die Redaktion)

Fußnoten

  1. Anmerkung zu Bl. 1: Ganz abgesehen davon, dass um 1150 des Löwen Gemahlin Clementia war, Helmold I. 68, woran sich schon Pastor Schmidt gestossen, Prolegomena zu seiner Predigerchronik, und dass er in seiner ersten Zeit (später so sehr?) durchaus nicht kirchenfreundlich war: Helm. I. 68, vorletzter Satz. Vgl. sein Verhalten gegen Vicelin, Helm. I. 69 ff. Dagegen den kirchlichen Eifer Erzbischofs Hartwigs, ibidem! Später hatte er dann andere Interessen und auch Sorgen. Vgl. den Abschnitt bei Chalybäus S. 39-43. Dehio, Gesch. des Erzbistums Hamburg-Bremen, bietet auch keine weiteren Aufschlüsse in dieser Frage. - Wann hat der Löwe seine 2. Frau Mathilde geheiratet?
  2. Claus Rolfs, Pastor in Hoyer.
  3. Anm. zu Bl. 2: Der rot eingeklammerte Satz ist nicht stichhaltig. Dort fehlen auch andere Kirchen, vgl. die Note 42 bei Bolten Bd. IV S. 22.23, wo Burg auch alleinig erschlossen wird, während S. 15 vorher, nämlich nach der Klagschrift, S. 18 Note, vier Kirchen genannt sind. Es käme darauf an, ob Nek. in dieser Notiz zu Eddelak (u. a.) recht hätte. Aber auch dann ist die Geschichte bezüglich weiterer Schlüsse nicht einwandfrei, zu viele Möglichkeiten. Man kann aber doch wohl sagen, dass die Nachricht von Henricus Leo nur Überlieferung ist und keine stützende Wahrscheinlichkeit für sich hat. - In der Folge 3 (Geistliche etc.) habe ich den betr. Abschnitt berichtigt!
  4. Anmerkung: Vgl. das Vis. Prot. de anno 1595 bei Rolfs!
  5. Berichtigung: Nein, es handelt sich um die Taxis der Präpositur an diesen Orten!
  6. Berichtigung ad Hinricus „Vosejus“: Bei Neokorus, Heider Neudruck, Bd. 2 S. 136 heißt er Henricus Voscius; vielleicht richtig Vossius zu lesen. - Nicht gleichzusetzen mit dem Hinrich Voes! Dieser wurde mit Johann Esch zusammen verbrannt; der Märtyrertod der beiden von Luther im Liede besungen. Vgl. Zütphen-Büchlein, Heide 1924 S. ?, wurden 1523 Juli ? zu Brüssel verbrannt.
  7. Anmerkung der Redaktion: Die beiden Pfarrstellen wurden am 1. April 1926 vereinigt. (Quelle: Kirchenbuch III H 14)

 

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