Predigttexte

Predigt aktuell

1. Buch Mose 16,13:

 

Du siehst mich.

Predigt am Sonntag Trinitatis über das Kirchentagsmotto: Du siehst mich

 

Es ist kurz vor Mitternacht. Zufrieden schaltet sie ihren Computer aus und geht mit einem Lächeln zu Bett. 156 Likes. Das hatte sie noch nie geschafft. Fast die Hälfte ihrer Freunde bei Facebook findet ihr neues Profilbild gut. 156 Likes und etliche Kommentare, Smileys und Herzchen dazu. Sie ist zufrieden, fast euphorisch, denn beim Einschlafen denkt sie nur: 156 Likes und morgen sind es sicher noch ein paar mehr.

 

Es ist kurz nach Mitternacht. Mit einem letzten Schluck leert er sein Glas und verlässt die Bar. Er wirft keinen Blick mehr hinüber zu ihr und ihren Freundinnen. Den ganzen Abend hat er sie angestarrt und sich Mut angetrunken, wollte sie heute endlich ansprechen, mit ihr reden, und ja, vielleicht sogar tanzen. Doch am Ende lief es so wie immer für ihn, er hat sie angesehen, aber sie hat nie zurückgesehen. Vielleicht ja nächstes Mal, vielleicht sieht sie ihn und dann traut er sich und spricht sie endlich an.

 

***

 

Liebe Gemeinde,

 

„Du siehst mich“ war das Motto des diesjährigen Kirchentages. „Du siehst mich“ könnte aber auch unser aller Lebensmotto sein. 
Wie oft geht es darum, dass wir uns präsentieren und vorteilhaft darstellen sollen: beim Bewerbungsgespräch, beim Referat in der Schule oder der Uni, bei der Arbeit und schließlich auch im Privaten. Gut wegkommen, gut dastehen, vorteilhaft aussehen: das könnten auch zugleich unser aller Hobbys sein. Wir wollen gesehen und anerkannt werden, wollen einzigartig sein und mit Aufmerksamkeit bedacht werden. Aber die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Da gibt es die, die immer wieder beim Schulsport als Letzte in die Mannschaften gewählt werden. Da gibt es die, die vor Aufregung keinen Piep sagen können, wenn sie vor anderen und vor allem fremden Menschen etwas sagen sollen. Da gibt es die, die einen Raum betreten und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen ohne viel eigenes Zutun und andere stehen unbeachtet daneben. Doch wenn das alles wäre, wäre ich, wären vermutlich auch Sie, liebe Gemeinde, nicht hier.

 

„Du siehst mich“ war das Motto des diesjährigen Kirchentages. „Du siehst mich“ könnte aber auch unser aller Lebensmotto sein. 
Mir klingt noch ein Spruch aus Kinderbibeltagen im Ohr: Der liebe Gott sieht alles. Das hat mich, ehrlich gesagt, ziemlich verängstigt. Ich habe es als Drohung aufgefasst und wollte deshalb immer brav und lieb sein und ja nichts falsch machen. Der liebe Gott sieht alles. Dieser Satz wurde und wird leider oft genug als Drohung missbraucht, dabei ist mir mittlerweile deutlich geworden, dieser Satz hat auch eine andere, wohltuende Bedeutung. Darin schwingt das „Du siehst mich“ aus dem 1. Buch Mose mit. 
Gott sieht uns, oder genauer noch: Gott sieht mich. Jede und jeden einzelnen von uns. Das ist keine Drohung, das ist eine Ermutigung und Stärkung fürs Leben. „Du siehst mich“ heißt auch: Wir sind Gott nicht egal, wir können uns darauf verlassen, dass er uns nicht aus den Augen verliert, dass er nicht über uns hinwegsieht oder kein Interesse mehr an uns hat. Ganz im Gegenteil: Gottes Blick ist gründlich, er geht tief und ist intensiv. Das kann erschrecken, das kann ängstigen und bedrohlich wirken. 
Es kann aber auch heilen, wenn der Kummer überhandnimmt und man sich unverstanden fühlt. Gott kennt unsere Geschichte, weiß um unsere Sehnsüchte und Träume. Gottes verlässlicher Blick auf uns kann auch Geborgenheit schenken und Trost spenden, wenn wir das Gefühl haben, unbeachtet und ungeliebt zu sein. Da ist einer, der weiß genau, wie wir uns fühlen, der leidet mit uns, der hört sich unsere Klagen an und steht uns bei. Gottes Blick begleitet uns, schwankt nicht und verliert nie das Interesse, auch wenn wir uns vor ihm verstecken, ans äußerste Meer fliehen und ihn aus unserem Leben ausschließen wollen. Gott ist da, auch wenn wir ihn vielleicht nicht immer wahrnehmen und sehen. Auch wenn wir uns von ihm verlassen, betrogen und verraten fühlen, weil unser Leben immer wieder einmal aus dem Tritt gerät und wir ins Wanken kommen. Er ist da. Er sieht uns. 

 

„Du siehst mich“ war das Motto des diesjährigen Kirchentages. „Du siehst mich“ könnte aber auch unser aller Lebensmotto sein.
Dabei ist es kaum vorstellbar, dass uns jemand sieht, den wir nicht sehen, der für uns nicht greifbar ist und dadurch unfassbar weit entfernt wirkt. Wie kann ich mich auf jemanden verlassen, jemandem meine Sorgen und Ängste anvertrauen, den ich nicht sehe? Hat Vertrauen nicht gerade etwas damit zu tun, einander zugewandt zu sein, sich in die Augen sehen zu können? Ja und nein. Ja, wir Menschen tun uns schwer damit, einem anderen blind zu vertrauen, und was wir nicht mit eigenen Augen sehen können, ist nicht da. Aber da gibt es eben auch die andere Seite: manchmal spüren wir einfach, dass es richtig ist zu vertrauen, dass da jemand bei uns ist, dass wir nicht allein sind und uns etwas Größeres umgibt. Diese Erkenntnis ist wirklich unbegreiflich und kaum zu erklären. Wir können Gott nicht so sehen, wie wir uns jetzt hier in der Kirche gegenseitig sehen können und können ihn nicht berühren. Aber wir werden von ihm gesehen und können uns auch von ihm berühren lassen. Und wir können darauf hoffen, dass wir Gott eines Tages von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, ihn sehen und erkennen werden. Vielleicht werden wir dann auch verstehen, warum dieses oder jenes in unserem Leben geschehen ist, vielleicht sogar geschehen musste. Und wir können dann vielleicht seine schützende und bergende Hand sehen, die uns hält und umgibt. Aber jetzt und hier bleibt uns die Hoffnung und der Glaube daran, dass Gott uns sieht, dich und mich, jeden von uns. Und er sieht uns so an, wie kein anderer uns je sehen kann. Gottes Blick auf uns ist ungetrübt und klar, aber es ist vor allem auch ein liebender Blick. 
Amen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Kirchengemeinde Eddelak