Predigttexte

Predigt aktuell

Apostelgeschichte 3, 1-10:

 

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne Tor, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

 

Predigt zu Apostelgeschichte 3, 1-10

 

Liebe Gemeinde,

 

es ist schon etliche Jahre her, eine Studienfahrt nach Griechenland. Sengende Hitze, belebte Straßen und meine Kommilitonen und ich wandern auf den Spuren von Paulus. Um ehrlich zu sein, sehr viel weiß ich nicht mehr, eine endlose Reihe von Ausgrabungsstätten, Museen und Vorträgen. Aber eine Situation fernab dieser Bildungsreise ist mir heute noch vor Augen und ich wurde unwillkürlich beim Hören des Textes aus der Apostelgeschichte daran erinnert: Gerade verlassen wir eine alte, ehrwürdige Kirche und treten wieder aus dem kühlen Inneren hinaus auf den großen sonnenbeschienen Vorplatz, als uns von der Seite eine Frau anspricht. Wir verstehen alle kein Griechisch, aber es ist klar, wonach sie fragt. Eine ältere Frau, in schmutzigen Sachen und mit zerzausten Haaren sitzt da auf den Stufen vor der Kirche, mitten in dieser heißen Mittagssonne und bettelt. Wir gehen weiter, würdigen sie kaum eines Blickes und suchen unter den Bäumen in der Nähe Schatten. 


Ich weiß auch nicht, warum gerade diese Frau mir so im Gedächtnis geblieben ist, aber noch heute, viele Jahre später, sehe ich sie vor mir, als wäre ich ihr erst gestern begegnet. 
Dabei gehe ich, gehen vermutlich viele von uns öfter an Menschen vorbei, die an Bahnhöfen, Unterführungen und vor öffentlichen Gebäuden sitzen und um Almosen bitten. Manchmal fragen sie mit Worten, manchmal steht ihre Bitte nur auf einem Schild und manchmal schauen sie auch gar nicht mehr zu den Menschen, die an ihnen vorbeieilen. 

 

Vielleicht ist die Szenerie, von der in der Apostelgeschichte erzählt wird, ähnlich. Da hockt, tagein, tagaus dieser gelähmte Mann auf den Stufen vor dem Tempel, versucht im Torbogen noch etwas Schatten und Halt zu finden und bettelt. Morgens wird er hingetragen und abends wieder abgeholt. Seine einzige Möglichkeit Geld zu verdienen und damit – so hart es klingt – seine Existenz innerhalb der Familie zu rechtfertigen, ist das Betteln. Tagein, tagaus, Jahr um Jahr. Er kennt nichts anderes, denn er war „von Mutterleibe“ an, also von Geburt an gelähmt. Ein Klotz am Bein seiner Familie, weil er versorgt werden musste, aber nichts zur eigenen Versorgung beitragen kann, weil er am Rande der Gesellschaft − eigentlich sogar außerhalb von iihr − leben muss.

 

Zuzeiten der biblischen Geschichten gab es keine Versorgungsstruktur außerhalb der Familie und nur die eigene Arbeitskraft zählte und war der Garant zum Überleben. 

Wie muss das also sein, wenn man jeden Tag, Zeit seines Lebens, darauf angewiesen ist, dass andere einen irgendwohin tragen und auch wieder abholen, dass man, um zu überleben, betteln muss. Dieser Mann sitzt da, kann nicht weg, ist allem und jedem hilflos ausgeliefert, abhängig von anderen und bettelt. Aufgrund seiner Behinderung sitzt er auf dem Boden und muss immer zu den Vorbeigehenden hinaufblicken. Er hat gelernt, so zu leben, zumindest hören wir nichts Gegenteiliges. Sein Leben als Gelähmter ist zugleich seine Lebensaufgabe, denn seine Krankheit, seine Lähmung bestimmte einfach alles − von Anfang an. 
Und dann gehen da zwei Männer an ihm vorbei in den Tempel und er fragt, so wie immer mit gesenktem Blick nach Almosen. Aber Petrus und Johannes kramen nicht in ihren Taschen nach Münzen oder gehen achtlos vorbei, sondern wenden sich diesem Gelähmten zu, sehen ihn an und fordern auch von ihm: Sieh uns an! 

Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.“

 

Hier endet die Geschichte des Gelähmten, denn fortan ist er ein Ex-Gelähmter, ein gesunder Mann, dem nun alle Möglichkeiten am Leben teilzunehmen, offenstehen. Durchaus ein Grund, Gott zu loben. Aber hier beginnt zugleich unsere Geschichte, wenn wir darüber nachdenken, wo wir gerade im Leben stehen, und was unser Leben ausmacht. Keiner von uns sitzt tatsächlich auf Kirchenstufen, ist gelähmt und bittet um Almosen, aber es gibt Situationen und Lebensphasen, da fühlen wir uns wie gelähmt, wie abgehängt und unsichtbar. Wie oft sind wir die Gelähmten, wie oft sind wir die, die sich ausgeschlossen und am Rand fühlen? Vielleicht weil wir einen geliebten Menschen verloren haben und die Trauer uns lähmt, den Alltag matt und dumpf erscheinen lässt und das Leben an Farbe verloren hat. Weil wir nicht von der Stelle kommen und immer wieder von der Trauer eingeholt und festgehalten werden. 

 

Wie oft sind wir die Gelähmten, wie oft sind wir die, die sich ausgeschlossen und am Rand fühlen? Vielleicht weil wir nicht mehr so können wir früher, unsere Kräfte nachlassen und wir gebrechlicher werden. Weil uns die Angst befällt, ausgedient zu haben und abgeschrieben zu sein in einer Welt, in der alles schneller und besser funktionieren muss, damit man noch Schritt halten kann. 

 

Wie oft sind wir die Gelähmten, wie oft sind wir die, die sich ausgeschlossen und am Rand fühlen? Vielleicht weil wir uns nicht das Gleiche leisten können wie andere, weil wir vielleicht weniger Geld und Anerkennung bekommen. Weil wir unsicher sind, nach Liebe suchen und dabei davor zurückschrecken, selber Liebe zu geben, aus Furcht wir könnten vielleicht enttäuscht werden. Weil wir immer wieder merken, dass wir anecken, dass wir anders sind und irgendwie nicht dazugehören. 

 

Es gibt so viele Gründe, warum auch wir wie dieser Gelähmte sein können, warum auch wir einen Menschen brauchen, der uns ansieht. Der nicht seinen Blick an uns vorüberschweifen lässt, sondern uns wirklich ansieht. Und der sagt: Sieh mich an! Und der nichts weiter zu geben hat als Hoffnung, Liebe und Glaube. Auch wir brauchen jemanden, der unsere Lähmung sieht, der nicht an uns vorbeihetzt und uns höchstens ein paar Cent zuwirft, sondern jemanden, der für uns da ist, der sich Zeit nimmt, der einen Blick riskiert, uns die Hand reicht und sagt: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf.“ 
Das ist der Moment wo ein Leben sich verwandeln und eine Lähmung sich lösen kann. Wo Menschen einander begegnen, sich ansehen auf Augenhöhe und sich einander die Hand reichen, denn da verwandelt sich der Grund, auf dem alle stehen. Da bin ich nicht mehr der, der bemitleidet und nicht ernst genommen wird, sondern der, der aufsteht und sich aus seiner Erstarrung, seiner Lähmung lösen kann. 

 

Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

Amen.

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