Predigttexte

Predigt aktuell

Offenbarung des Johannes 21, 1-7

 

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 

Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Predigt am Totensonntag

 

 

Liebe Gemeinde, 

 

der Tod und Verlust eines geliebten Menschen macht oft sprachlos angesichts ganz unterschiedlicher Gefühle und Gefühlslagen, die man durchlebt. 
Der Theologe Dietrich Bonhoeffers geht in einem Brief aus dem Gefängnis an seine Freunde auf eben diese Gefühle ein und beschreibt sie wie folgt: 

»Zunächst: Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.«

 

Diese Zeilen entsprechen dem Empfinden vieler Menschen, die um andere trauern. Es bleibt nach dem Verlust eines Menschen eine nicht zu füllende Lücke, die bleiben muss – aus Respekt für diesen einzigartigen Menschen und seine Unverwechselbarkeit. Viele tragen schwer daran, wenn sie einen Angehörigen verloren haben, manche jahrelang. 
Dennoch können Vorhaben und Versuche, das Leben neu zu sortieren und zu ordnen, keine Brücke bauen über den Schmerz und die Leere, die aufreißen nach dem Tod eines Elternteils, eines Kindes, des Lebenspartners, einer geliebten Schwester oder eines Bruders. Die Einzigartigkeit eines Menschen und die Erinnerungen, die man mit ihm oder ihr verbindet, sollen und dürfen nicht ersetzt werden durch welche Ablenkung oder welchen Ersatz auch immer.

 

Trauernde hören auch immer wieder Ratschläge wie: »Nun ist es aber an der Zeit, dass du dich wieder den schönen Dingen des Lebens zuwendest.« Oder: »Schau mal, andere haben Ähnliches erlebt wie du und die leben auch weiter. Es ist nicht gut, sich in seiner Trauer zu vergraben.« Ganz beliebt ist auch: »Das Leben geht weiter.« Ja, zugegeben: An solchen Sätzen ist immer ein Körnchen Wahrheit, aber Menschen trauern unterschiedlich und Traurigkeit kann nicht miteinander verglichen werden. Die einen können nach einem schmerzlichen Verlust einen Neuanfang beginnen. Anderen fällt dies schwerer und wieder andere zerbrechen vollkommen daran. Manche sind vielleicht auch erleichtert, dass das Leid eines Angehörigen nun ein Ende hat und wieder andere wollen mit all dem gar nichts zu tun haben.

 

Der Verlust eines Menschen ist ein Abbruch der Beziehung, wie auch immer sie ausgesehen hat. Der Verstorbene, die Verstorbene kann und wird nie mehr reagieren oder antworten, Erlebnisse und Gedanken können nicht mehr geteilt und Streit auch nicht mehr geschlichtet werden. Der Tod ist ein Abbruch der Beziehungen der Menschen zueinander, er hinterlässt eine Lücke und die kann niemand mehr füllen. 
Aber worin finden Trauernde dann Trost? Was tröstet wirklich und ist nicht bloß billige Vertröstung?

Eine Voraussetzung für Trost ist, dass jemand mitgeht in den Schmerz eines anderen und das, was ist, annimmt, so wie es ist. Wo nichts kleiner gemacht wird, als es ist, und nichts größer, als es sein muss, sondern ein Verstehen versucht wird, das den anderen ernst nimmt und seine Gefühle auch. Da kann Trost möglich werden. Trost braucht Verständnis und ein Zuhören-Können. Er braucht die Kraft, etwas auszuhalten, das nicht auszuhalten ist.
Dann kann vielleicht ein Gedanke, ein Bild gefunden werden, das aufrichtet. Ein Bild etwa, das auf die eigene Situation passt oder Worte, die eine Aussicht eröffnen und Hoffnung zulassen, weil sie zeigen, dass nicht alles ganz genau so bleiben muss, wie es sich jetzt anfühlt. Manchmal gelingt das.

 

Ein mögliches Trostbild zeichnet der biblische Text, den wir vorhin gehört haben. Wenn davon die Rede ist, dass es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben wird. Wenn in kräftigen Pinselstrichen und Farben ausgedrückt wird, dass Gott bei uns Menschen wohnen wird ‒ und wir mit ihm. Wenn es heißt: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. 
Hier wird das Leid, der Verlust und die schmerzhafte Lücke nicht kleingeredet, sondern ernstgenommen. Und es wird deutlich gesagt, dass nur Gott allein in der Lage dazu ist, diese Wunden zu heilen, unsere Tränen abzuwischen und den Tod zu überwinden. Durch Gottes Gegenwart und seine stärkende Nähe können wir neu beginnen und unsere Wunden können heilen. 

 

Tod, Leid, Tränen, Geschrei und Schmerz werden nicht vom Menschen beseitigt, sondern von Gott – ihm, wirklich ihm allein und ihm selbst ist es vorbehalten, die Tränen abzuwischen und uns die Kraft zu geben, den Verlust zu überwinden, denn aus Gottes Macht können wir diese Kraft schöpfen. Dann bricht eine völlig neue Zeit heran, wenn dieser neue Himmel und die Erde entstehen, wenn der Tod keinerlei Macht mehr über unser Leben hat und alle Tränen, Schmerzen und jedes Leid nicht vergessen, aber von uns genommen werden, wenn wir Trost erfahren von Gott selbst.


Der neue Himmel und die neue Erde sind Versprechen, die das Leid nicht klein reden und die schmerzhafte Leere, die der Tod eines Menschen hinterlässt, nicht künstlich und oberflächlich schließen. Die Lücke bleibt. Aber der Blick geht durch sie hindurch auf eine Aussicht und Zuversicht, die sich im Vertrauen auf Gott ereignen kann: 
Wo ein Abschied stattgefunden hat, der in dieser Welt keine Hoffnung mehr zulässt, wird durch den Blick auf einen neuen Himmel und eine neue Erde wieder Hoffnung geweckt. Denn bei Gott ist möglich, was hier und jetzt unmöglich ist: Gott wird Tränen abwischen, die hier noch geweint werden.
Amen.

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